Das Geschäft mit dem Mitleid

Autor: Manuela Berglar

 

Die Urlaubssaison hat begonnen, sie wurde sehnlich erwartet gerade in Spanien, denn dem Land geht es schlecht. Die Wirtschaft müht sich vergeblich dem hausgemachten Sumpf aus Korruption, Versagen, Ignoranz, Profitgier und der undurchdachten Hatz auf den schnellen Euro zu entweichen. Das einstige Hätschelkind der EU ist hart auf dem Boden der Realität des europäischen Hinterbänklers aufgeschlagen.

 

Mit in diesem Sog  sind die, die jetzt doppelt zur Last werden, derer man sich entledigt, weil man sie sich nicht mehr leisten kann – oder will. Weil man keinen Umsatz mit ihnen mehr machen kann, weil sie als  Konsumware momentan nicht ziehen oder schlicht, weil sie lästig sind und immer waren: die Tiere.

 

So offenbart sich dem Touristen alle Jahre wieder das gleiche Trauerspiel: Magere Strassenhunde, häufig krank oder verletzt, die Haltung geduckt, der Blick scheu und hungrig. Katzen in unüberblickbarer Anzahl, die Augen und Nasen verschleimt, sichtbare Träger und Überträger tödlicher Seuchen. In den Müllcontainern findet man ihre Artgenossen vergiftet, erschlagen…, willkommen in der EU.

 

Tierschutz ist Ländersache, Hier hält sich die EU bedeckt. Zu heikel, zu aufwendig und zu diffizil ist es, dieses traurige Kapitel im europäischen Einklang in den Griff zu bekommen. Also regeln die Länder ihre Angelegenheiten selber. Und hier sind viele besonders pfiffig: Sie lassen regeln, zum Nulltarif. Willige, ergebene Handlanger: Der Tourist. Genauer gesagt, der deutsche Tourist.

 

Kaum ein anderes Land ist auf dem Sektor Umwelt-Tier- & Naturschutz so ambitioniert wie Deutschland. Europas Wirtschaftslokomotive treibt auch hier an. Tausende von deutschen Tierfreunden solidarisieren sich, bilden private Tierschutzvereine, gründen kleine Tierheime, helfen, füttern, pflegen, heilen, vermitteln und zahlen.

 

Schnell wird aus dem einst gutgemeinten Projekt eine Überlastung. Zu wenig Platz für zu viele Tiere, zu hohe Kosten, zu wenige Menschen, die ihre zugesagte Hilfe konsequent auch umsetzen. Das Meinungsbild in Sachen Tierschutz geht auseinander. Auch hier war man im Vorfeld unbedacht. Dem gesellt sich die Scheu, sich beharrlich und unnachgiebig mit denen auseinanderzusetzen, die eigentlich alle Mittel hätten: Die Politiker. Aus unerklärlichem Grund wird in diesen Bereich keinerlei Energie gesetzt, sondern schon im Vorfeld aufgegeben, wobei man die Begründung als Entschuldigung gleich mitliefert: „Die machen ja sowieso nichts.“

 

Die politische Arbeit ist dem Tierschützer nicht gegeben.  Er prangert an, aber er schimpft in die falsche Richtung. Vor Ort duckt er sich. Er duckt sich sogar so tief, dass er zum willfährigen Diener städtischer Tierheime (Perreras) wird und ihnen die Tiere abkauft. Die Perreras wittern ein einträgliches Geschäft. Der staatlichen Subvention ergänzt sich eine Pro-Kopf- Subvention der Gemeinden, deren Hunde die Perrrea aufnimmt. Nach 21 Tagen werden die Tiere je nach Höhe der Überkapazität  eingeschläfert.

 

Deutsche Tierschützer greifen ein, wollen das Töten verhindern und kaufen beinahe auktionsmäßig die Tiere heraus. Hierzu werden „Paten“ über das Internet gesucht, die Auslösesumme zu spenden. Die Preisspanne liegt zwischen 30 und 100 Euro pro Hund. Tiermedizinische Versorgung exklusive. Um die Tiere vor Ort bis zur Ausreise nach Deutschland aufgehoben zu wissen, werden Hundepensionen, im widersprüchlichsten Fall Züchtern, pro Tag, pro Tier eine kleine Summe gezahlt, die sich aber auf Dauer der Wartezeit und Anzahl der Tiere, für diese zu einem beachtlichen Zubrot entwickeln.

 

In Deutschland erwartet den Vierbeiner im besten Falle ein liebevolles Zuhause. Die Regel jedoch sieht so aus, dass sie in der Warteschleife eines deutschen Tierheimes landen. Diese spüren immer öfter die politische Daumenschraube: Subventionen werden gekürzt, gestrichen. Im Gegensatz zu den spanischen Kollegen, schätzen deutsche Gemeinden die Verlagerung der Problematik nicht.

 

In Spanien jedoch blüht das Geschäft: Je höher die Fluktuation, desto besser. Die Perrreas gaukeln vor, dass sie die Tötungen einstellen, wenn die Hunde regelmäßig herausgekauft werden .Der Tierschützer gehorcht, folgt, kauft, sammelt, zahlt, erstickt an den Folgekosten.

An dem Tierelend auf den Strassen ändert dies allerdings gar nichts. Die Arbeit mit den Menschen vor Ort, Aufklärung in den Schulen, Konzeptentwicklung und Umsetzung im Team mit der verantwortlichen Gemeinde,  die Überpopulation der Strassentiere durch gezielte Kastrationen zu reduzieren, all dies wird zwar vorgegeben aber es wird oftmals nicht geleistet.

 

Viele Vereine vergessen die Strasse komplett. Sie sehen nicht die abgemagerten Hunde, die an 30 cm kurzen Ketten verdursten und verhungern oder die Katzen, die in Scharen brutal vergiftet werden.  Sie wenden den mitleidsvollen Blick in Richtung Welpe, der einen hohen Kuschelfaktor besitzt und deshalb bevorzugt herausgekauft wird. Auch der Verein muss rechnen und Welpen lassen sich gut und gewinnbringend vermitteln. Sie packen das Übel nicht bei der Wurzel. Sie weisen nicht denen die Stirn, die die Verantwortung haben, sondern sie arbeiten ihnen zu.

 

Wehren sich Leute aus den eigenen Reihen, obigen Weg zu unterstützen, werden sie dem Tierschutz unwürdig gestempelt. Die Strafe geht so weit, dass kleinen, obdachlosen Schützlingen von der Strasse, die eine Familie zur Adoption gefunden haben, diese verwehrt wird. Man schlägt ihnen die Tür vor den unschuldigen Nasen zu, sowie den fünf Minis, die Opfer genau diesen eigenwilligen Tierschutzgedankens wurden*. Ersatz gibt es genug: Die Perrera hat schon angerufen. Das Roulette im Tierschutz dreht sich weiter.

 

Der Weg im europäischen Tierschutz ist steinig, die EU hat das erkannt und übt sich im eifrigen Wegschauen. Dafür subventioniert sie die Züchtungen der spanischen Kampfstiere. Nicht offiziell, sondern getarnt unter dem Deckmantel der Tiere, die zur Fleischgewinnung gezüchtet werden.

 

Mitleid wird ausgenutzt, es hilft vielleicht dem, der gesehen wird, aber es hilft nicht den Tausenden Anderen, die automatisch nachkommen. Der Mensch, er muss sich ändern, er muss verstehen lernen. Doch genau hier versagt er – im Miteinander.

TIERSCHUTZ GRENZENLOS

Versucht man, herauszufinden, was Menschen motiviert, Tieren im Ausland zu helfen, sind die Erklärungen immer dieselben: Tierschutz hört nicht an der Grenze auf, den Hunden in süd- und osteuropäischen Tierheimen geht es viel schlechter als denen in Deutschland, viele sind akut vom Tod bedroht, während Tierheime in Deutschland verglichen damit die reinsten Luxusherbergen sind. Damit erübrigt sich die Frage, warum geholfen werden muss.

Die zweite, wichtigere Frage, nämlich die, WIE geholfen werden sollte, ist nicht mehr so einfach zu beantworten. Man kann sich das leicht machen und helfen, indem man die Tiere nach Deutschland bringt, weg von den schrecklichen Einheimischen, über deren Umgang mit Tieren man gar nicht nachdenken möchte.

Etliche der Auslandstierschutz-Organisationen haben es sich leicht gemacht. Auf ihren Websites kann man nachlesen, wie grauenhaft die Zustände im Herkunftsland der Hunde sind, dass Tierquälerei eher die Regel als die Ausnahme ist. Skeptiker bekommen Bilder präsentiert, die aufkommende Fragen im Keim ersticken. RETTEN kann man diese Tiere nur, indem man sie dem Zugriff der Barbaren enzieht.

Und das funktioniert! Monat für Monat, Jahr für Jahr rollen allwöchentlich Transporter durch Europa, um gerettete Tiere ins gelobte (Deutsch-)Land zu bringen. Und alle fühlen sich gut dabei. Dass etliche Hunde bereits bei der Übergabe auf Autobahnrasthöfen flüchten und später verunfallen, dass viele nicht den Erwartungen ihrer Retter entsprechen und in deutschen Tierheimen landen, sind Kollateralschäden, die billigend in Kauf genommen werden. Im großen Ganzen funktioniert es so ganz gut und für viele der geretteten Tiere beginnt auch tatsächlich ein besseres Leben in Deutschland.

Dabei wird geflissentlich übersehen, dass man auf diese Weise die beklagenswerten Zustande in den Herkunftsländern nicht ändert, sondern etabliert! Was soll ein Ungar, ein Rumäne, ein Italiener oder Spanier aus der oben beschriebenen Vorgehensweise lernen?
Dass er sich keine Gedanken zum Tierschutz machen muss, weil das ja schon die Deutschen für ihn tun?
Dass er seine Hündin nicht kastrieren muss, weil die Vermittlung von Welpen nach Deutschland doch offensichtlich so super funktioniert, dass man bei einigen Tierschutzvereinen kaum noch erwachsene Hunde im Angebot findet?
Dass Hinterhof-"Zucht" durchaus lukrativ sein kann, vorausgesetzt, es gelingt einem, den Tieren den Tierschutzstempel aufzudrücken?

Wenn weiterhin Tiere in diesen Mengen nach Deutschland "gerettet" werden, ist es eine Frage der Zeit, wann der Gesetzgeber den Spuk beendet oder es in Deutschland zu ernsthaften Problemem mit Straßenhunden kommt.

Was also wäre eine vernünftige Alternative? Wie kann man den Tieren helfen, ohne sie grundsätzlich zu importieren?

Aus meiner Sicht geht das nicht ohne den ernsthaften Dialog auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort. Überall auf der Welt gibt es Tierfreunde und -schützer. Jedem deutschen Hilfswilligen gegenüber haben sie den großen Vorteil, Land und Leute zu kennen. Wenn sie dem Nachbarn erläutern, warum Kettenhaltung schlecht für den Hund ist, hat das einen anderen Stellenwert als wenn das jemand aus Deutschland tut. Sie sind es, die unterstützt werden müssen, damit sich langfristig etwas zum Guten ändert. Hilfe von außen ist weder überflüssig noch unerwünscht, sie sollte aber die Einheimischen mit einbeziehen. Und zwar nicht in der Form, dass man ihnen eine Schaufel in die Hand drückt und ihnen gestattet, einen Zwinger zu reinigen, sondern indem man ihnen Verantwortung überträgt und sie dabei unterstützt, gute Plätze für die Hunde im Herkunftsland zu finden.

Auch die Kastration von Hunden, die nicht auf Grundstücken gesichert leben, ist wünschenswert. Man muss nicht warten, bis die Tiere im Tierheim oder in einer Tötungsstation angekommen sind. Man muss auch keine Tierärzte aus Deutschland schicken, es gibt sie vor Ort.

Tierheimleben in Not hat in Nagykanizsa gemeinsam mit der Kommune ein Kastrationsprojekt gestartet, über das mittellose Hundehalter einen Gutschein zur Kastration ihrer Hündin bekommen. Hundert Gutscheine wurden ausgegeben. Das bedeutet ca. 600 Welpen, die niemand will, weniger im nächsten Jahr. Solche Aktionen kosten Geld - viel Geld, wenn sie wirksam sein sollen.

Aber so, und nur so verändert sich wirklich etwas. Möglicherweise ist die Vorstellung, sich auf diese Weise mittelfristig überflüssig zu machen, für einige der sogenannten Tierschützer aber so abschreckend, dass sie sich lieber auf den Import beschränken.

Die Frage ist aktuell nicht, ob man Hunde holt ODER vor Ort Strukturen zur Selbsthilfe schafft. Man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Und wenn das mehr ist als ein Lippenbekenntnis, werden sich die Anteile langsam aber sicher verschieben und immer mehr Tiere haben die Aussicht auf ein gutes Leben, ohne auswandern zu müssen.

Das setzt auch voraus, dass darauf verzichtet wird, die Menschen in den Herkunftsländern der Tiere so darzustellen, wie es heute häufig passiert: völlig undifferenziert werden ganz Völker zu Tierquälern erklärt.

 

 

Iris Alberts

Mein Traum für alle Tiere,
das keins mehr von Menschenhand, gequält, gefoltert und verbrannt.
Das niemals mehr ein Tier erfriert und keins die Hoffnung je verliert.
Das keins einsam und verlassen und ohne Namen stirbt.
Das keines Leid und Schmerz ertragen muß und angstvoll mit leeren Magen sterben muß.
Das Menschen sie endlich mit dem Herzen sehn, und sie als Freund und nicht als Sache sehen.

 


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